Die Landesdelegiertenversammlung in Film und Foto

Kopf. Herz. Hand: Ein Motto, das 600 Lehrerinnen und Lehrer bewegt

WAHRE WORTE

Ein Bericht über die LDV von Chris Bleher

Warum ist es ni Leistungsdruck, Auslese, Verrohung des gesellschaftlichen Klimas, die Zeit ist reif für eine ganzheitliche Sicht aufs Lernen, auf Bildung, auf den Menschen. Die LDV in Würzburg war ein Aufruf zum Aufbruch.

 Auf der Bühne war selbstverständlich viel vom Herzen die Rede, von Empathie, von Gemeinsamkeit. Der Kultusminister sprach davon, Abgeordnete der bürgerlichen Parteien sprachen davon. Wirklich mitgerissen aber – gemessen an der Intensität des Beifalls – waren die 600 Delegierten im Würzburger Kongresszentrum am Mainufer von den wuchtig zarten Worten eines Slam-Poetry-Künstlers namens Jean-Philippe Kindler. Der 22-Jährige verdichtete seine Fassungslosigkeit über eine kalte Bildungselite, die das Privileg der Bildung offensichtlich nicht allen Kindern gleichermaßen zugestehen will. Sein Gymnasium verwies Kinder Geflüchteter an die Mittelschule, sie würden das Lerntempo bremsen. „Warum“, so endete die dichterische Wortkaskade, „warum ist es nicht der Wunsch von uns allen, dass Kinder, alle Kinder, dieses Privileg der Bildung wirklich gleichermaßen genießen dürfen? Kinder sind unsere Zukunft. Lasst uns durch jene ein Stück Gegenwart verstehen.“

Weder kuscheln noch kuschen

Simone Fleischmann wiederholte die letzten Worte zum Auftakt ihrer Grundsatzrede, „genau die richtigen Worte“. Hatte nicht zuvor der CSU-Spitzenpolitiker Winfried Bausback im „Speedtalk“ auf der Bühne vom BLLV gefordert, doch endlich das hässliche Wort „Selektionskultur“ aus dem Vokabular zu streichen? Sie werde sich den Begriff „auf keinen Fall verbieten lassen“, rief die Präsidentin ins Auditorium, weil er „die Wahrheit ist, die Eltern, Kinder und wir so erleben müssen“. Explosiver Applaus. Drei mal verwendete sie den Begriff. Die Botschaft: Wenn dieser Verband die Nähe zur Politik sucht, dann nicht, um zu kuscheln oder zu kuschen, sondern um einen offenen und ehrlichen Dialog zu führen, mit dem Ziel, beklagenswerte Zustände zu ändern.

Man müsse Schule nicht revolutionieren, sagte Fleischmann, „auch wenn die – Se-lek-tions-kul-tur“, so viel Nachdruck musste sein, „eines der Probleme ist“. Man müsse sich auf den Kern von Schule besinnen. Nun verlas sie vollständig Artikel 131 der bayerischen Verfassung, der ja die Bildung von Herz und Charakter als oberste Bildungsziele definiert. Man brauche die Orientierung an einem Menschenbild, das auf den Menschenrechten und der Ganzheitlichkeit aufbaue. Überwinden müsse man eine starre Fächerstruktur, eine falsche prüfungs- und damit verbundene, ja: „Selektionskultur“, die Dominanz des Fachlich-Inhaltlichen – auch wenn natürlich Wissen die Grundlage für alles andere bleibe. An der Stelle mit dem Wissen hätten die Regierungsvertreter im Saal dazu neigen können, zufrieden aufzuatmen. Doch das hätte geheißen: zu früh gefreut. „Wir stellen die Frage“, hob die BLLV-Präsidentin an, „welches Wissen heute wirklich noch wichtig ist. Man könnte Wissen viel besser vermitteln, „wenn wir eine andere Prüfungskultur und einen anderen Leistungsbegriff hätten“, da sei sie sich „ziemlich sicher“. Nach zehn Jahren Grund- und Mittelschulerfahrung sei sie „weiß Gott keine Traumtänzerin“.

... gar nichts verstanden von Pädagogik

Leistung müsse auch „nicht weh tun“, es müssten „keine Loser produziert werden“. Jeder Mensch habe „sein spezifisches Potential“, und das könne man in der Schule wecken, nach dem Motto: „Wenn das Herz hüpft, dann lerne ich was." All jenen, die in diesem Zusammenhang die so wichtige Beziehungsarbeit in der Schule, insbesondere in der Grundschule, mit dem Begriff „Kuschelpädagogik diskreditierten, schleuderte sie entgegen: „Wer diesen Begriff für die Arbeit in der Grundschule in den Mund nimmt, hat nichts, aber auch gar nichts verstanden von Pädagogik und von der Rolle der Grundschule für die Entwicklung des Kindes.“ Die Beziehungsarbeit sei „die Grundlage des Lernens – und das bis zum Abitur.“

Dem Diskurs der Veränderung hin zu einem Perspektivwechsel bot die LDV über drei Tage hinweg auf vielfältige Weise Raum und Bühne. Da gaben fünf Politiker der bürgerlichen Parteien im „Speedtalk“ dem BR-Moderator Werner Reuß der Reihe nach spontan Antworten auf dessen Fragen nach Ist und Soll von Schule im Allgemeinen und dem Dasein als Lehrperson im Besonderen. Der Grüne Thomas Gehring, Vizepräsident des Landtags, punktete, als er Bausbacks Lob des gegliederten Systems nachrief: „Kein Mensch wird auf die Mittelschule geschickt, weil er so gut war in seinen praktischen Fähigkeiten.“

Kultusminister Piazolo wiederum lobte in seiner Ansprache die Wahl des LDV-Mottos, betonte, wie wichtig „individueller Unterricht“ sei, und beschwor das Gemeinschaftliche. Er stehe an der Seite der Lehrer, keiner solle das Gefühl haben, „allein zu sein“.

Wenn Delegierte das Motto kneten

Der Austausch mit einflussreichen Repräsentaten aus Gesellschaft und Politik wurde zudem in 16 LDV-Salons gepflegt. Einer der jeweiligen prominenten Gesprächspartnerinnen und -partner war der Benediktiner-Abt Notker Wolf vom Kloster St. Ottilien. Der 79 Jahre alte Ordensmann und passionierte E-Gitarrist einer Rockband ermunterte in sanftem allgäuerischen Tonfall dazu, „aufzustehen“, und den zuständigen Stellen „auf die Nerven zu gehen“. Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth erzählte derweil voller Dankbarkeit, wie sehr sie von der Schule profitiert habe („Alles, was ich bin, habe ich Lehrern zu verdanken“). Und damit wollte sie nicht ihre Mutter gemeint haben, eine Lehrerin. Ihr Impulsvortrag mündete in einem Plädoyer für frühe Demokratiebildung, Bildungs- und Gendergerechtigkeit. Roth spielte an Saint-Exupéry an, als sie appellierte: „Man sieht nur mit dem Herzen gut (…). Schaffen Sie viele Kleine Prinzen und Prinzessinnen, dann machen sie einen monstermäßig guten Job!“

Prozesshaftigkeit und Dialog wurden auch innerhalb des Verbandes gepflegt: Vor der Abstimmung der Anträge versammelten sich sämtliche Delegierten in Kleingruppen, um Ideen für die Umsetzung eines ganzheitlichen Bildungsbegriffs zu sammeln. Moderne Zeiten nicht nur bei der erstmals elektronischen Abstimung: Damit sich wirklich alle äußern konnten, begaben sich die Delegierten in „Denk-“ und „Kreativräume“, setzten sich bunt gemischt in Stuhlkreise und tauschten sich, gut koordiniert, aus: Darüber, was sie an den Salons bewegt hatte, was das LDV-Motto für sie persönlich bedeutet, wie es an der eigenen Schule umzusetzen und wie es durch den Verband wirksam zu machen wäre.

Eine Postkarte an den Kultusminister

Es war ganz sicher die erste LDV, bei der Ideen auch mit Hilfe von Plastilin, Gummibuchstaben, Zeitschriften-Kollagen, Lego, Pfeifenreinigern und anderem Material ausgedrückt und gesammelt wurden. Eines von hunderten „Braindumping“- Ergebnissen, die bei dieser spielerischen Verschwörung am Main entstanden, war eine Postkartenaktion, die den Kultusminister beim Wort nehmen würde. Der Text: „Vielen Dank für Ihre Zusage (…) mich zu unterstützen, wenn ich als Lehrkraft das Gefühl habe, allein gelassen zu sein.“ Mal sehen, was draus

 

Impressionen von der LDV 2019