Herz. Kopf. Hand. Bildung ist Zeit für Menschen

Dieses Motto wurde vom BLLV-Landesvorstand ausgewählt als bewusste Rückbesinnung auf den Kern pädagogischer Arbeit, nämlich die ganzheitliche Bildung des jungen Menschen. Gerade in einer Zeit radikalen Wandels in Folge von Digitalisierung, Globalisierung und Kilmawandel müssen wir uns besinnen auf den Kern von Bildung. Unsere Aufgabe als Pädagoginnen und Pädagogen ist es, diese Überzeugung und das Zentrum unseres professionellen Selbstverständnisses mit neuen Inhalten zu füllen, die den heutigen Herausforderungen gerecht werden.

 

Das Manifest

Wir Lehrerinnen und Lehrer stehen vor vielen neuen Herausforderungen, die wir an unseren Schulen bewältigen sollen: Digitalisierung, Globalisierung, religiöse und kulturelle Vielfalt, wirtschaftliche und soziale Ungleichheit, permanente Beschleunigung, Sicherung der Demokratie und weitere gesellschaftliche Veränderungen.

Unsere tägliche Arbeit wird gleichzeitig bestimmt durch zunehmende Heterogenität der Kinder und Jugendlichen, unterschiedliche Erwartungen der Eltern, steigende Ansprüche der Wirtschaft, hohen Leistungs- und Auslesedruck, die Verrohung des gesellschaftlichen Klimas und die Herausforderungen im Zusammenhang mit der Integration, der Inklusion, der individuellen Förderung und der Ganztagsschule. Dabei sind wir zusätzlich mit Lehrermangel, hoher Arbeitsbelastung sowie ungleicher Bezahlung von Lehrerinnen und Lehrern konfrontiert.

Wir Lehrerinnen und Lehrer sehen den pädagogischen Auftrag bedroht. Wir sind überzeugt davon, dass die Schule von heute nicht auf die Gesellschaft von morgen vorbereitet.

In der Welt von morgen geht es um mehr als den Erwerb von theoretischem Wissen. Unsere Kinder brauchen Offenheit, Kreativität, Eigeninitiative, Selbsttätigkeit und die Fähigkeit, sich in einer immer komplexeren Welt zu orientieren. Schülerinnen und Schüler werden in der Welt von morgen nur dann bestehen, wenn sie neben kognitiven Kompetenzen auch emotionale Intelligenz, musisch-künstlerische Fähigkeiten, sowie eine demokratische Werteorientierung erwerben.

Wir brauchen heute und mehr denn je eine ganzheitliche Sicht auf Bildung, so wie sie Johann Heinrich Pestalozzi mit den Begriffen Herz. Kopf. Hand. beschrieben hat.

Diese ganzheitliche Bildung des Kindes und die Entwicklung all seiner Potenziale ist der Kern pädagogischen Denkens. Nur im Zusammenspiel dieser drei Grundlagen des menschlichen Verhaltens gelingt Bildung. Schule von heute aber wird immer noch dominiert vom fachlich-inhaltlichen Lernen. Sie verharrt in einem traditionellen Lern- und Leistungsbegriff, einer falschen Prüfungs- und damit verbundenen Selektionskultur.

Wenn die Gesellschaft eine Schule will, die den Heraus-forderungen des 21. Jahrhunderts gerecht wird, brauchen wir einen Aufbruch: Ein neues Lern- und Leistungsverständnis, eine flexible Lehrerbildung, eine Überwindung der starren Fächerstruktur, eine grundlegend neue Ausrichtung der Lehrpläne und eine neue und effiziente Form der Bildungsfinanzierung. Wir Lehrerinnen und Lehrer wollen diesen Aufbruch.

Das kann aber nur mit solchen Lehrerinnen und Lehrern gelingen, die ermutigt und unterstützt werden, Schule nach diesen Ansprüchen zu gestalten.

Unser Menschenbild heißt, den Menschen als Ganzes zu sehen: mit HERZ. KOPF. HAND.

 

Die LDV diskutiert das Motto

In vier Blöcken werden wir uns auf der Landesdelegiertenversammlung mit dem Motto Herz. Kopf. Hand. Bildung ist Zeit für Menschen beschäftigen.

Donnerstag, 30. Mai 2019,  16:30 bis 17:30 Uhr
Gespräch mit Barbara Stamm, Felix Finkbeiner und Michael Jörg

Freitag, 31. Mai 2019,   17:00 bis 18:30 Uhr
16 Salons mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens

Samstag, 1. Juni 2019, 9:00 bis 11:30 Uhr
Großgruppenarbeit zum Motto

14:30 bis 15:00 Uhr
Schluss-Akkord: Zusammenfassung der Ergebnisse

 

Einstimmung

Am Donnerstag haben wir zur Einstimmung auf das Motto drei besondere Persönlichkeiten zum Gespräch zu Gast:

Barbara Stamm: Sie gehörte 42 Jahre (1976 bis 2018) dem Bayerischen Landtag an und war von 2008 bis 2018 Landtagspräsidentin. Seit 2001 Vorsitzende der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung Bayern und seit 2014 Präsidentin des Bayerischen Volkshochschulverbandes.

Louis Motaal: Umweltaktivist. Er wurde 2011 im Alter von elf Jahren Botschafter für Klimagerechtigkeit bei Plant-for-the-Planet. Er ist überzeugt, dass die Klimakrise gelöst werden kann. Er engagiert sich weltweit auf Konferenzen und Podiumsdiskussionen für Klimaschutz u.a. beim Internationalen Forum für Nachhaltigkein und Zukunftsfähigkeit und hält Vorträge und Workshops für Schulen, Kommunen und Unternehmen.

Michael Jörg: Waldbauer, Informatiker und Philosoph zusätzlich Mediator, Moderator und Coach. Seit 2018 als Vice President im Bereich  Transformation der Deutsche Telekom Service tätig.
Sein persönlicher Antrieb: Menschliche Systeme menschlicher machen.

Die Salons und unsere Gäste

Am Freitag Nachmittag werden wir in 16 Salons mit wichtigen Meinungsführerinnen und -führern in der Gesellschaft diskutieren, was Herz. Kopf. Hand. für unsere moderne Gesellschaft und die Schule bedeuten könnte. Sind die Anliegen überholt oder gelten Sie heute noch? Was bedeutet dies für unsere Schule und für unsere Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen? Wie beeinflussen sie unser Professionsverständnis? Was könnten sie heute bedeuten.

Eine Liste unserer Gesprächspartner finden Sie hier.

Claudia Roth


Claudia Roth sitzt seit 1998 für die Partei Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag, dessen Vize-Präsidentin sie seit 2013 ist. Nach Stationen als Managerin der Band Ton Steine Scherben und als Dramaturgin am Theater zog sie 1989 ins Europäische Parlament ein. Parallel zu ihrer Tätigkeit im Parlament war sie von 2001 bis 2002 sowie von 2004 bis 2013 Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen. Claudia Roth setzt sich für multikulturelles Zusammenleben ein, den Schutz von Minderheiten und für ein „modernes, tolerantes und weltoffenes Land“. Um dies zu erreichen, ruft sie in ihrem Buch „So geht Deutschland“ zusammen mit Fetsum Sebhat zu mehr Bürgerengagement auf.

Martina Starke


Martina Starke machte nach ihrem Abitur eine Ausbildung zur Textil- und Mustergestalterin und schloss daran ein Studium für Textildesign an der Fachhochschule Hannover an. Nachdem Sie zunächst selbstständig tätig war, kam sie 2001 zur BMW Group und wurde 2016 unter anderem Head of BMW Brand Vision und BMW Brand Design. Sie entwirft mit ihrem Team die Designvision für Serienfahrzeuge und Showcars (Exterieur-, Interieur-, Material-, Farb-Design)   Martina Starke arbeitet mit dem Self-Assembly Laboratory des Massachusetts Institute of Technology (MIT)'s zusammen. Diese Kooperation brachte ein neues Material hervor, welches aufblasbar und somit sehr wandelbar ist. BMW ermöglicht diese Neuentwicklung in Zukunft die Innenräume von Fahrzeugen den Nutzerwünschen besser anpassen zu können, etwa wenn im Zuge des autonomen Fahrens kein klassischer Fahrer mehr benötigt wird.

Martin Gräfer


Martin Gräfer ist seit neun Jahren Vorstandsvorsitzender der Bayerischen Beamten Versicherung AG und Vertriebsvorstand von „die Bayerische“. Seinen Einstieg in die Versicherungsbranche fand er bei „die Gothaer“, in der er in 22 Jahren von der Ausbildung über den Vertrieb, die Unternehmenskommunikation bis hin zur Geschäftsleitung alle Stationen durchlaufen hat. Martin Gräfer sieht in der Digitalisierung eine Chance für mittelständische Unternehmen der Versicherungsbranche, Marktanteile von den großen Versicherern zu gewinnen und sieht „die Bayerische“ dabei in den letzten Jahren als Vorreiter in Sachen neuer Ideen und Digitalisierung.

Karin Oechslein


Dr. Karin Oechslein studierte Lehramt Gymnasium mit den Fächern Deutsch, Französisch und Spanisch. War sie zunächst Lehrerin in München, wechselte sie schon einmal zum Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB), von hier aus ging es weiter zum Schul- und Kultusreferat der Landeshauptstadt München. Parallel promovierte sie zum Thema Leistungsmotivation. Von 2000 bis 2006 leitete sie als Oberstudiendirektorin das Staatliche Gymnasium Oberhaching und wurde anschließend Ministerialbeauftragte für die Gymnasien im MB-Bezirk Oberbayern-West. 2014 kehrte sie dann als Direktorin zum ISB zurück. Mit dem ISB ist Karin Oechslein dafür zuständig, wissenschaftliche Erkenntnisse für die Lehrkräfte so aufzubereiten, dass diese sie für den Unterricht nutzen können.

Ulrich Kober


Ulrich Kober hat in Frankfurt am Main und in Bogotá Theologie und Philosophie, sowie in München und an der London School of Economics Sozialwissenschaften studiert. Als Mitglied des Jesuitenordens war er in der außerschulischen und schulischen Jugendbildung in Dresden, Berlin und Medellín tätig, bevor er Ende 2000 zur Bertelsmann Stiftung kam. Dort leitet er das "Programm Integration und Bildung". Verantwortet hat er in der Stiftung in den letzten Jahren den "Chancenspiegel" zu fairen Bildungschancen in den Bundesländern, Fortbildungsprojekte für Lehrkräfte im Umgang mit Vielfalt im Klassenzimmer gemeinsam mit den Schulministerien in NRW und Sachsen, außerdem Studien zu Ganztagsschulen, Inklusion und digitaler Bildung und erhielt den Jakob Muth-Preis für inklusive Schule. Er ist überzeugt davon, dass wir in Deutschland bessere Bildungschancen für alle erreichen können, wenn wir die - bisher oft immer noch getrennten - schulischen, außerschulischen und sonderpädagogischen Lernorte in inklusiven Ganztagsschulen mit lernförderlicher IT-Infrastruktur zusammenführen und den Kindern und Jugendlichen die Kompetenzen vermitteln, die sie für eine volatile, ungewisse, komplexe und ambivalente Welt brauchen.

Jürgen Pfau


Leider musste Dr. Rainer Koch seine Teilnahme kurzfristig absagen, da er als kommisarischer DFB-Präsident bei dem Finale der Champions League in Madrid anwesend sein muss. Wir bitten Anmeldungen für die noch offenen Workshops vorzunehmen.

Er wird vertreten vom BFV-Vizepräsident und Bezirksvorsitzenden UnterfrankenJürgen Pfau.

Prof. Dr. Michael Schratz


Michael Schratz studierte Lehramt Gymnasium mit den Fächern Anglistik/Amerikanistik und Leibeserziehung. Daran schloss er seine Promotion in Erziehungswissenschaften und Psychologie an, während er gleichzeitig das Studium Lehramt Hauptschule absolvierte. Nachdem er 1984 seine Habilitation abgeschlossen hatte und diverse internationale Stationen durchlaufen sowie Gastprofessuren in Klagenfurt und Schlaining übernommen hatte, wurde Michael Schratz 1999 Professor am neu gegründeten Institut für LehrerInnenbildung und Schulforschung. Er war Mitautor diverser Lehrbücher, ist Sprecher der Jury des Deutschen Schulpreises, Gründungsdekan der School of Education und Gründer der Leadership Academy, die sich zum Ziel setzt, Führungspersonen im Bildungsbereich zu fortzubilden.

Prof. Dr. Bärbel Kopp

 

Bärbel Kopp studierte Lehramt an Grundschulen mit dem Unterrichtsfach Deutsch an der Universität Augsburg. Sie arbeitete zunächst als Lehrerin. Nach ihrer Promotion begann sie ihre wissenschaftliche Laufbahn zunächst nach Augsburg, Bozen und Passau, bis sie 2007 an das Institut für Grundschulforschung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) kam. Seit 2010 hat sie an der FAU den Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und -didaktik I inne mit dem Schwerpunkt Lehren und Lernen. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem im Umgang mit Heterogenität und Inklusion sowie bei Übergängen im Grundschulbereich.

Werner Reuß


 Werner Reuß studierte Kommunikationswissenschaften, Politik und Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. 1989 kam er als Redakteur für Politik und Zeitgeschehen zum Bayerischen Rundfunk, wo er mit einer Zwischenstation bei ARD-aktuell in Hamburg bis heute tätig ist. Inzwischen ist er Leiter des neuen Programmbereichs "Wissen und Bildung" in der Fernsehdirektion des BR. Von 1997 an baute er den Bildungskanal „BR-alpha“ mit auf und leitete ihn von 1998 an. Für diese Arbeit erhielt er unter anderem den Adolf-Grimme-Preis mit der besonderen Ehrung des Deutschen Volkshochschul-Verbandes. Er hat mit dem Aufbau von BR-alpha den Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender preisgekrönt umgesetzt. Sollte diese Arbeit mehr in den Fokus der öffentlich-rechtlichen Sender gerückt werden?

Prof. Dr. Paula Irene Villa Braslavsky


Prof. Dr. Paula-Irene Villa Braslavsky studierte in Bochum und Buenos Aires Sozialwissenschaft (1988-1994) und promovierte 1998 zur Konstruktion des Geschlechtskörpers. Über Stationen in Bochum, Fribourg und Hannover und einer Gastprofessur in Innsbruck kam sie 2008 an die Ludwig-Maximilians-Universität in München und ist dort Lehrstuhlinhaberin für Allgemeine Soziologie und Gender Studies. In ihrer Habilitationsschrift „Das Besondere des Allgemeinen – das Allgemeine des Besonderen. Die Kategorie Geschlecht in der Soziologie“ setzte sie sich mit der Geschlechtersoziologie auseinander. Außerdem bringt sie sich immer wieder in Debatten ein, wie in ihrem mit Susanne Hark verfassten Essay „Unterscheiden und herrschen. Ein Essay zu den ambivalenten Verflechtungen von Rassismus, Sexismus und Feminismus in der Gegenwart“, wo sie die rassistisch geführte Diskussionen für feministische Anliegen nach der Kölner Silvesternacht kritisiert und fordert eine Betrachtung der wechselseitigen Abhängigkeiten bei Sexismus und Rassismus in den Blick zu nehmen.

Elisabeth Sandmann-Knoll

Dr. Elisabeth Sandmann-Knoll machte eine Ausbildung zur Verlagsbuchhändlerin beim Suhrkamp Verlag in Frankfurt, studierte anschließend Vergleichende Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Bonn und Oxford und promovierte über den irischen Dramatiker George Bernard Shaw. Nach Stationen bei verschiedenen Verlagen in Deutschland und England gründete sie 2004 den Elisabeth Sandmann-Knoll Verlag und veröffentlicht unter dem Motto „Schöne Bücher für kluge Frauen“ ca. 15 Titel pro Jahr. Elisabeth Sandmanns Anliegen ist es, Bücher zu verlegen, die Denkanstöße liefern und qualitativ (inhaltlich wie optisch) anspruchsvoll sind.

Notker Wolf OSB


Notker Wolf trat 1962 in den Orden der Benediktiner ein und studierte zunächst in Rom Philosophie bevor er 1965 an die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität wechselte und neben Philosophie noch Theologie, Zoologie, Anorganische Chemie und Astronomiegeschichte studierte. 1968 erhielt er seine Priesterweihe und wurde bereits 1971 für eine Professur der Naturphilosophie und Wissenschaftstheorie an die Päpstliche Hochschule Sant’Anselmo in Rom berufen. 1977 wurde er Erzabt von St. Ottilien und von 2000 bis 2016 war er Neunter Abtprimas der Benediktiner. Notker Wolf tritt Angst-Debatten entschieden entgegen und plädiert in „Schluss mit der Angst – Deutschland schafft sich nicht ab!“ für das Prinzip der Hoffnung, welches er mit dem christlichen Glauben begründet. Außerdem hat er eine große Leidenschaft für die Musik, insbesondere Rock, und auch schon verschiedene CDs aufgenommen.

Prof. Dr. Fabienne Becker-Stoll

 

Prof. Dr. Fabienne Becker-Stoll musste leider kurzfristig ihre Teilnahme absagen. Wir bitten die Interessenten einen anderen Salon zu besuchen.


Prof. Dr. Fabienne Becker-Stoll ist seit 2006 Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP).

Martin Becher


Martin Becher ist Geschäftsführer des Bayerischen Bündnisses für Toleranz und seit 2011 Leiter der Projektstelle gegen Rechtsextremismus. Der studierte Pädagoge und Politikwissenschaftler ist der festen Überzeugung, dass von Angela Merkels Prognose des „Wir schaffen das“ tatsächlich bereits vieles geschafft wurde. So hätten die Behörden im Jahr 2015 gute Arbeit bei der Aufnahme Geflüchteter geleistet, noch immer gäbe es viele Ehrenamtliche, die den Geflüchteten helfen, sowie viele kleine Betriebe, die Geflüchtete als Auszubildende bzw. Arbeitnehmer einstellten.

Christian Füller

 

Christian Füller ist Journalist und Autor mit den Schwerpunkten Bildung und Digitalisierung. Er publizierte diverse Bücher über gute und schlechte Schulen, über Privatschulen und Neues Lernen. Er hat dabei gelernt: Auch Schulen, die ihre Schüler nicht beschämen, müssen wir genau auf die Finger gucken. Zuletzt erschienen von ihm „Die Revolution missbraucht ihre Kinder“ und „Muss mein Kind aufs Gymnasium?“, wo es um SlowAbi und Digitalisierung geht. Füller schreibt u.a. für WamS, Spon, FAZ, Spiegel, war Chefredakteur des „Freitag“ und gründete die Bildungsseite der taz. @ciffi bloggt als Pisaversteher.com.

 

Die Arbeit in Großgruppen

Unsere LDV steht unter dem Motto Herz. Kopf. Hand. Bildung ist Zeit für Menschen. Wir wollen das Motto auch leben und daher mit Ihnen allen am Samstag von 9:00-11:30 Uhr in einem Großgruppenformat arbeiten und reflektieren, was unsere Forderungen nach ganzheitlicher Bildung in der Schule für die konkrete Politik des BLLV im 21.Jahrhundert bedeutet. Hierzu werden wir uns in zwei unterschiedliche Räume aufteilen:

Kreativraum: Im Kreativraum werden wir den Fragen nachgehen, was Herz. Kopf. Hand für uns persönlich bedeutet und Ideen für die Politik des BLLV entwickeln. Wir bedienen uns interaktiver Methoden, die uns nicht nur zum Denken anregen, sondern auch unser Herz und unsere Hand arbeiten lassen.

Denkraum: Im Denkraum werden wir uns den Themen des BLLV widmen und diese mit dem Motto Herz. Kopf. Hand. verbinden. Wir wollen Thesen entstehen lassen, die dem Motto Ausdruck verleihen und uns in der politischen Arbeit bestärken. Wir wollen Herz-Kopf-Hand.Bildung ist Zeit für Menschen leben lassen.

Wir bitten alle Delegierten, sich für einen der beiden Bereiche verbindlich anzumelden, damit wir die Raumzuteilung festlegen können. Bei der Einschreibung erhalten Sie den Raum mitgeteilt.

Anmeldung Großgruppenmoderation

 

HerzKopfHand&ich

Holzskulpturen aus dem vollen Stamm zu befreien – dieser Aufgabe stellt sich der Künstler Sebastian Waßmann beim Projekt HolzHerzHand&ich

Ein Künstler kümmert sich mit Kettensägen um Herz, Kopf und Hand

In der Nähe von Passau knattern die Kettensägen. Mehrere von ihnen verwendet der Künstler Sebastian Waßmann gleichzeitig, um große Skulpturen zu erstellen. Skulpturen mit den Titeln „Kopf, Herz und Hand“ sollen entstehen und diese werden das Thema der Landesdelegiertenversammlung des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes anschließend verkörpern.

Waßmann hat sich Großes vorgenommen in den Osterferien. Zwei 6 Meter lange Stämme warten darauf, bearbeitet zu werden. Der Durchmesser der Stämme mit fast 70 cm ist brachial. Nur mit einem Team und schwerem Gerät können die Stämme zur Bearbeitung aufgestellt werden. 3 Tage hat sich der Münchner Künstler Zeit genommen, um die Skulpturen im Grobschnitt herzustellen. Für einen kleinen Ort nördlich von Passau ist dies mehrere Tage lang zu hören. Die Kettensägen summen von früh bis spät ohne Pause durch. Waßmann wechselt die Sägen nach jeder Tankfüllung, damit sich die Maschinen nicht überhitzen – er geht wie immer bei der Erstellung solcher Objekte an die Grenzen von Mensch und Maschine.

Für Waßmann ist das Herausholen der fertigen Skulpturen aus dem rohen Stamm eine Obsession. Einmal angefangen, kann der Prozess nicht gestoppt werden. Immer wieder entdeckt man den nächsten Schnitt und muss korrigieren. Waßmann hat in den letzten Jahren schon weit mehr als 100 solcher Objekte hergestellt. "Der niederbayerische Stamm hat es aber dennoch in sich", meint er, "Herz, Kopf und Hand."

Der Künstler verfolgt einen Plan und hat die Skulpturen mehrfach skizziert immer wieder abgeändert. Beim Übertragen der Skizze auf den Stamm verwendet er die Kettensäge. Feine Linien zeichnen den Grobschnitt im Frontprofil vor. Ist die Skulptur von der Vorderseite aus bearbeitet, macht sich er an das Seitenprofil und sägt dies aus. Anschließend wird die entstandene Figur abgerundet und geformt. Dies passiert dann mit einem speziellem Carvingschwert auf der Kettensäge. Nachdem die drei Figuren fertig waren, wurden sie ein paar Tage später geschliffen und aufpoliert.

Eine Skulptur mit einem übergroßen Kopf trägt den Titel Kopf. Der Künstler möchte damit die Thematik der Verkopftheit aufgreifen. Der Mensch ist seiner Meinung nach im Ungleichgewicht zwischen Körper und Geist. Wer mit den Kopf arbeitet, braucht auch den körperlichen Ausgleich, um im Gleichgewicht zu sein. Vor allem die Schüler benötigen mehr Raum und Zeit für reine gestalterische und motorische Tätigkeiten, um ihr Wissen anwenden und festigen zu können.

Die Figur Herz wird dargestellt durch ein riesiges Herz im Bauch. Gefühle sind für Waßmann ganz wichtig. Künstler sind sensible Wesen. Das Gefühl muss aber nicht nur beim Künstler bleiben. Die Schulen müssen ein Ort sein, an dem sich alle wohlfühlen. Jeder soll die Schule mit positiven Gefühlen betreten und nach einigen Jahren auch mit dieser Emotion verlassen dürfen.

Die Skulptur Hand ist die letzte und größte unter den drei Objekten, die sich Waßmann vorgenommen hat. Er möchte hiermit betonen, dass hier der handelnde Mensch steht, der die Schule von heute gestalten kann und damit die Schule der Zukunft beeinflusst und prägt.

Seien Sie gespannt auf die fertigen Objekte.

Einen herzlichen Dank möchte der Künstler seinem Team um Herbert Ebertsberger aus Waldkirchen aussprechen.

Warum sollen Baumstämme der Mittelpunkt einer Kunstaktion stehen?

Vorüberlegungen von Sebastian Waßmann

Beim "Herausholen" der Skulptur aus dem Stamm entsteht jedes Mal ein neues einzigartiges Kunstwerk. Jedes Holzkunstwerk entstammt einem lebendigen Kreislauf. Die Natur befindet sich im stetigen Wachstum. Bäume wachsen dem Himmel entgegen und benötigen Licht und Wasser. Holz ist ein enger Partner des Menschen seit Jahrtausenden. Holz spendet Wärme und ernährt, Holz bietet uns ein Dach über dem Kopf und Holz hat den Menschen erst so richtig beim Großwerden gestützt. Holz ist  einer der frühesten Begleiter der Menschheit. Holz spendet die nötige Lebenswärme und macht unsere Landschaft und unser Umfeld schön, einzigartig und artenreich. Wurzeln greifen in den Lebensboden und ziehen das Wasser mit den Nährstoffen in einen Baum, der mit Hilfe der Sonne den Wasserkreislauf in Bewegung hält.

Erst wenn ein Baum gefällt wird, kann der Holzbildhauer ein einzigartiges Kunstwerk gestalten. Nur durch das Entwurzeln des Einen kann der Andere neues Schaffen. So kann der Kreislauf aber nicht in Bewegung bleiben.

Das Stück Holz braucht eine Sinnhaftigkeit. Diesen tieferen Sinn erhält der Baumstamm durch den Künstler.

Das entstehende Kunstwerk hat einen Ausdruck und trägt später eine Botschaft in sich. Die Botschaft der Objekte ergibt sich aus drei einzelnen Objekten mit den jeweiligen Titeln Kopf, Herz und Hand. Diese drei Objekte stehen symbolisch für den Menschen an sich.

Der Mensch ist ein Sinneswesen, das über Jahrtausende hinweg gelernt hat, sich selbst zu entwickeln. Dafür setzt der Mensch seine ausgeprägten Sinne bewusst ein. Der Kopf an sich steuert alle Prozesse und damit unser Handeln in der Welt. Unser Herz bestimmt die Geschwindigkeit und den Impuls unseres Handelns. Unser Herz ist aber die moralische Instanz unseres Handelns. Emotionale Entscheidungen trifft der Mensch mit seinem Herzen. Unsere Hand ist nehmende und gebende Kraft unseres Lebens. Mit der Hand begreifen wir Prozesse und Abläufe und können diese zukünftig bewusst steuern. Die Hand verpflegt und verteidigt uns. Mit der Hand können wir Menschen Dinge in Bewegung bringen.

Das Material Holz hat der Künstler Sebastian Waßmann zu seinem Leitthema gemacht. Das Holz ist dem Menschen seiner Meinung nach am nächsten. Durch das Holz pulsiert Flüssigkeit und diese bringt den Stamm in Bewegung. Das Holz bringt dem Menschen Rückhalt und Stabilität und ist als Material ein riesiger Energiespeicher.  

Warum ist eine Holzskulptur für Waßmann ein Bildungsobjekt?

Allein die Herstellung eines Kunstobjektes ist sowohl für den Laien als auch den Profi ein bildender Prozess. Man wächst mit der Erfahrung und gibt diese an sein Umfeld weiter. Kunst ist Bildung, Entwicklung und eine Abenteuerreise zugleich.

Beim Kunstobjekt - HolzHerzHand&ich - steht der Mensch an sich für das Material Holz. Im Holz stecken alle nötigen Informationen für das Wachstum des nächsten großen Baumes. Der Baum ist erst klein und unter der Erde verankert. Mit der Zeit erreicht er erst den Bereich über der Erde und wächst dann später immer mehr dem Himmel entgegen. Der Mensch hat selbst in seinem Leben diese wunderbar ähnliche Verwandlung. Wenn der Baum noch unter der Erde ist, dann ist er recht sicher aufgehoben und kann sich entwickeln. Sobald der Baum aus dem Boden hinaus nach oben wächst, steht er im Licht und ist nun erleuchtet. Die Sonne verhilft ihm zum Wachsen. Immer mehr wächst der Mensch dem Licht entgegen. Dennoch sind gerade am Anfang die Gefahren für den Baum sehr groß. Leicht wird er übersehen und bedarf im übertragenen Sinne „pädagogischen“ Schutz.

Der Pädagoge steht für den Entwicklungshelfer des Baumes. Lehrer unterstützen die Schüler beim Wachsen. Die Schule bietet sowohl den Schülern und Eltern als auch den Lehrern ein wunderbares Fundament, um Kopf, Herz und Hand zu stärken. Hinter den Holzskulpturen werden Holzstäbe zu einer Kunstinstallation.

Sebastian Waßmann nimmt die Teilnehmer der Delegiertenversammlung mit in die Kunstaktion und lässt jeden Einzelnen Teil dieser Aktion werden. Die Kunstinstallation ist das Gerüst für den Bildungsprozess in der Schule der Zukunft. Die Delegierten des BLLV manifestieren ihre Bildungswünsche symbolhaft im Netzwerk der Bildungslandschaft. Die Leichtigkeit der farbenfrohen Installation soll darauf hinweisen, dass die Bildung mehr in den öffentlichen Fokus gerückt werden muss. Wichtig ist für den Künstler die Verbindung der einzelnen Bildungswünsche in einem offenen aus dem Prozess entstehenden Konstrukt.

Sebastian Waßmann

 

  • Künstler des Berufsverbandes Bildender Künstler München und OBB BBK e. V.
  • Künstler bei der europaweit agierenden Vereinigung focus-europa e. V.
  • Einzelausstellung im In- und Ausland
  • Zahlreiche Beteiligungen bei Gruppenausstellungen im In- und Ausland
  • Erstellung von Skulpturenparks im öffentlichen Raum in Münchberg, Himmelkron, Rehau, Eschenbach, Bayreuth,
  • Leitung des Osterworksshops des Landkreises Hof INFO´s unter www.ak-kunst.de (Gesamtleitung seit 2008, Dozententätigkeit seit 2006)
  • Initiator der Lehrerfortbildung „Vielfalt Holz – die Seminare Oberpfalz und Mittelfranken erstellen Kunstwerke aus Holz“
  • Zahlreiche Fortbildungen im Bereich Skulptur aus Holz mit Studenten, Referendaren, Schülern, Patienten (Psychiatrie) und Erwachsenen
  • Zahlreiche Fortbildungen im Bereich experimentelle Druckgrafik mit Studenten, Lehrern, Schülern und Erwachsenen

Weitere Tätigkeiten Fortbildung

  • „Erstellen einer Holzskulptur“ im Bayerischen Rundfunk 2010
  • Erstellung einer Holzskulptur zusammen mit dem Radio- und Fernsehmoderator Sebastian Winkler live in der Jugend-Sendung on3 Südwild
  • Autor des Buches „Unterrichtsmodelle Kunst“ zusammen mit Udo Rödel und Stephan Greck
  • Autor und Ideengeber des Buches „Unterrichtsmodelle Kunst für den neuen Lehrplan der Mittelschule für die Regierung von Oberbayern“ (bisher erschienen die Ausgaben 5/6 und 7/8 – die Ausgabe 9/10 ist in Bearbeitung)
  • Zahlreiche Fortbildungen im Bereich Skulptur aus Holz mit Studenten, Referendaren, Schülern, Patienten (Psychiatrie) und Erwachsenen

Tätigkeit als Kurator

  • International Contemporary Art auf der Plassenburg Kulmbach (Schirmherr Karl Theodor zu Guttenberg)
  • 17 und 10 (Internationaler Kunstausstauch Deutschland - Polen) in Krakau 2011
  • Sommerkunstwochen Kulmbach 2011
  • Kunst in der Schule (Regensburg)

 

Kopf. Herz. Hand. Immer noch Pestalozzi?

Max Liedtke

Immer noch Pestalozzi

Welche Gründe kann man haben, sich zur Lösung aktueller pädagogischer Probleme Hilfe bei einem Pädagogen holen zu wollen, der vor fast zwei Jahrhunderten verstorben ist? Er kannte noch keine empirisch untermauerte Pädagogik. Erst recht konnte er keine Vorstellung davon haben, vor welchen konkreten Problemen die heutigen Schulen heute stehen. Es darf nicht um blinde Verehrung gehen.

Aber natürlich ist nicht ausgeschlossen, dass er elementare Einsichten hatte, die nicht überholt sind. Es gibt davon viele bei Johann Heinrich Pestalozzi.

Die Verehrung durch die Lehrer

Pestalozzi war am 17.2.1827 verstorben. Das Sitzungsprotokoll des Nürnberger Lehrervereins vom 16.6.1827 vermerkt: „Tiefe Rührung ergriff die anwesenden Mitglieder am heutigen Abend, als H. Vorstand nach dem Vorlesen des Protokolls die allg. Schulzeitung aufschlug und die schwarze Einfassung des Blattes zeigte, den Myrtenkranz des vestorbenen, unsterblichen Pestalozzi. So trauerten öffentliche Blätter um Maximilian, den Guten [gemeint ist der 1825 verstorbene König Max I. Joseph: A.d.V.], und auch dem Vater der Pädagogen widerfuhr diese königliche Ehre.“

Warum diese Verehrung?

Diese Lehrer sahen in Pestalozzi den Begründer einer neuen, wissenschaftlichen Pädagogik, der es darum ging zu erfahren, „was der Gang meines Lebens … aus mir gemacht hat“ und „was der Gang des Lebens … aus dem Menschengeschlecht macht“ (W 12, 6). Sie hatten selbst erlebt, in welchem Maße Pestalozzi den Ausbau des Schulwesens in Mitteleuropa vorangetrieben und wie er sich dabei insbesondere um die unterprivilegierte Bevölkerung gekümmert hat: “Von Jugend auf ging das Ziel meines Lebens dahin, den Armen im Land durch tiefere Begründung und Vereinfachung seiner Erziehungs- und Unterrichtsmittel ein besseres Schicksal zu verschaffen“ (W 25, 277).

Weder hat er das eine, noch das andere im Laufe seines Lebens erreicht. Wie sollte er im Detail herausfinden, was der Gang seines Lebens aus ihm gemacht hat? Wie sollte er herausfinden, mit Hilfe welcher Faktoren sich gesellschaftliche Entwicklungen steuern lassen? Wie sollte er in seiner Lebenszeit weltweit den Armen ein besseres Schicksal verschaffen?

Aber er hat das Wissen seiner Zeit genutzt, um daraus Anstöße zu geben, die wegweisend waren.

Noch gewichtiger war es, dass er eben noch zu seinen Lebzeiten großen Einfluss auf die Entwicklung der Schulen ausgeübt hat. Der Bayerische Volksschullehrplan von 1804, der den Fächerkanon erstmals über die traditionellen Inhalte von Religion und elementaren Schreib- und Rechenunterricht erweiterte, zeigt deutliche Spuren Pestalozzis. Auch wenn dieser Lehrplan 1811 schon wieder erheblich beschnitten wurde, Pestalozzis Anliegen wurde insbesondere durch die Lehrerschaft bis ins 20. Jahrhundert weitertransportiert und umgesetzt. Dazu zählt auch die Gründung zahlreicher pädagogischer Einrichtungen. Es gibt im deutschsprachigen Raum keinen Pädagogen, der häufiger als Pestalozzi Schulen und Straßen seinen Namen gegeben hat.

Die Basis seiner Pädagogik war sein pädagogischer Optimismus: „Der Mensch muss nicht bleiben, was er ist" (W 14, 207). Das bedeutete: Der Glaube an einen statischen Begabungsbegriff war in Zweifel gezogen, die Gottgegebenheit der ständischen Zuordnung der Menschen war in Frage gestellt, die Möglichkeit der Bildsamkeit bisher als bildungsunfähig angesehener Menschen war Programm geworden.

Dass der Mensch nicht bleiben muss, was er ist, ist keine simple Behauptung. Der Satz hat sich in der Schulgeschichte bestätigt und folgt dem Gesetz der Evolution, dass ein Phänotyp immer als Produkt von Anlage und Umwelt anzusehen ist. Verändert man einen der beiden Faktoren, ändert sich der Phänotyp. Natürlich kann dies nicht eine beliebige Veränderbarkeit bedeuten, aber mindestens eine breitere Austestbarkeit der Umweltfaktoren, als sie jemals vorher denkbar erschien.

„Kopf, Herz, Hand“: Was soll das heißen?

„Kopf, Herz, Hand" ist nicht das Motto für das gesamte Feld der Pädagogik Pestalozzis, sondern nur seiner "pädagogischen Methodik".

Aber dieses Motto hat seine Schwierigkeiten. Es ist kein von Pestalozzi in dieser verbalen Fassung fixiertes Motto. Zwar taucht in Pestalozzis blumiger Sprache auch die Abfolge „Kopf, Herz, Hand“ auf (W 17 A, 52, 161), aber viel häufiger nutzt er in thematisch ähnlichen Zusammenhängen andere Formulierungen wie z. B. „Herz, Geist, Kunst“ (W 28, 57f.) oder „Verstand, Herz, Kunst" (W. 28, 171). Aber niemals nutzt er diese begrifflich variierende Trias als Motto eines pädagogischen Zentralkanons.

Die tradierte Trias „Kopf, Herz, Hand" ist erst von seinen Interpreten fixiert worden und hat sich so als Pestalozzis Trias eingespielt.

Die zweite Schwierigkeit: Pestalozzi hat 1826, ein Jahr vor seinem Tod, in seinem „Schwanengesang“ die Grundsätze der „Idee der Elementarbildung“ zusammenzufassen versucht. Man könnte erwarten, dass hier deutlicher würde, wie jene Trias zu verstehen ist. Das ist nicht der Fall. Der „Schwanengesang“ von 1826 galt schon immer als eine sehr ermüdende Lektüre. Schon wegen ihrer wenig präzisen Fassung wird man ihr heute kaum mehr als einen wissenschaftsgeschichtlichen Wert zuerkennen.

Aber Pestalozzi ist nicht nur Autor. Um ihn zu verstehen, muss man auch auf seine konkreten Leistungen schauen, auf sein pädagogisches Engagement, auf die von ihm beeinflussten schulpolitischen Veränderungen, auf die Vielzahl der von ihm angeregten pädagogischen Gründungen. In allem, was er anregte, war er tolerant, schon deswegen, weil vieles von dem, was er dachte und machte, neu war, unerprobt. Man musste schauen, was sich bewährte. Will man herausfinden, was Pestalozzi wollte, muss man bei ihm suchen, aber auch dort, wo man auf seiner Basis weiter gearbeitet hat.

„Kopf, Herz, Hand“: Was hat Pestalozzi damit angestoßen?

Er war der erste Pädagoge, der nachhaltig betont hat, dass Lernen, insbesondere wenn es denn auch Bildung werden soll, nicht als isolierter Prozess verstanden werden darf, sondern im Kanon der nach seiner Ansicht „naturgegebenen Kräfte“ des Menschen, nämlich „Kopf, Herz, Hand“, gesehen werden muss, in heutiger Sprache im Kanon der kognitiven, der emotionalen und der physiologischen Komponenten des menschlichen Verhaltens: „Jede einseitige Entfaltung einer unsrer Kräfte ist … nur eine Scheinbildung, sie ist das tönende Erz und die klingende Schelle der Menschenbildung … " (W 28, 59).

Eine Vielzahl solcher auf Einseitigkeit beruhenden „Scheinbildungen“ kritisiert er geradezu von der ersten bis zur letzten Seite seiner Publikationen, und zwar unüberholt treffend.

Das dominierende Beispiel ist die Kritik an fehlender Anschaulichkeit in den Schulen seiner Zeit. Er warnt vor „leeren Wörtern“, die so tun als wären sie „Sacherkenntnisse“ (W 28, 88), während nur Worthülsen reproduziert werden. Fast ebenso häufig spricht er an, dass der Grundsatz anschaulicher Vermittlung aber keineswegs nur für das Erfassen gegenständlicher Objekte gilt, sondern genauso für das Feld emotional gefärbter Reaktionen wie Freundlichkeit, Dankbarkeit, Mitleid (W 13, 15).

Aber er nimmt bei dem pädagogischen Zusammenspiel von kognitiven, emotionalen und physiologischen Komponenten im Bildungsprozess, insbesondere im Feld der sittlichen Erziehung, nicht nur Eltern und Lehrer in die Pflicht, sondern auch die Gesamtgesellschaft. In vielen Variationen betont er: „Die Veredlung der Grundtriebe des menschlichen Herzens sezet beym Menschen ihre Befriedigung voraus“ (W 9, 21; I, 201)“.

„Kopf, Herz, Hand“: Was sollen wir damit machen?

Trivial: Pestalozzi konnte nicht voraussehen, dass das Wissen sich in exponentieller Weise entwickeln würde. In den Lehrplänen der heutigen Mittelschulen sind längst Inhalte aufgetaucht, die um 1800 noch an den Universitäten unbekannt waren. Die Lernzeiten nehmen zu, die Sitzzeiten. Es ist dringend erforderlich, dass ausgleichend auf hinreichende Bewegungszeiten geachtet wird.

Trivial: Digitalisierung/Virtuelle Welten: Pestalozzi würde sich nicht gegen die neuen Unterrichtsfelder wehren, schon weil er das Lehrangebot der Schule, besonders wenn es sich um Schlüsselfelder handelt, nicht beschneiden würde. Er wäre voller Ängste, dass Anschaulichkeit, und zwar reale, verloren gehen könnte, und würde nach Ausgleich suchen.

Nicht trivial: Kopf, Herz, Hand sind nicht von gleichem Rang. Dass das Leben einen Wert besitzt, wird ausschließlich emotional erfahren. Kopf und Hand sind Dienstleister. Im Zweifel für das Herz, die Emotion.

 

Johann Heinrich Pestalozzi im Original

 

„Diese Gesetze, die wesentlich aus der Eigenheit jeder einzelnen menschlichen Anlage hervorgehn, sind eben wie die Kräfte, denen diese Gesetze inwohnen, unter sich wesentlich verschieden; aber sie gehen alle, eben wie die Kräfte, denen sie inwohnen, aus der Einheit der Menschennatur hervor, und sind dadurch, bey aller ihrer Verschiedenheit, innig und wesentlich unter einander verbunden und eigentlich nur durch die Harmonie und das Gleichgewicht, in dem sie in unserm Geschlecht bey einander wohnen, für dasselbe wahrhaft und allgemein naturgemäß und menschlich bildend.

Es ist eine, sich in allen Verhältnissen bewährende Wahrheit, nur das, was den Menschen in der Gemeinkraft der Menschennatur, d. h. als Herz, Geist und Hand ergreift, nur das ist für ihn wirklich, wahrhaft und naturgemäß bildend; alles, was ihn nicht also, alles, was ihn nicht in der Gemeinkraft seines Wesens ergreift, ergreift ihn nicht naturgemäß und ist für ihn, im ganzen Umfang des Wortes, nicht menschlich bildend. Was ihn nur einseitig, d. i. in einer seiner Kräfte, sey diese jetzt Herzens-, sey sie Geistes- oder Kunstkraft, ergreift, untergräbt und stört das Gleichgewicht unserer Kräfte und führt zur Unnatur in den Mitteln unserer Bildung, deren Folge allgemeine Mißbildung und Verkünstlung unsers Geschlechts ist.

Ewig können durch die Mittel, welche die Gefühle meines Herzens zu erheben geeignet sind, die Kräfte des menschlichen Geists an sich nicht gebildet, und ebenso wenig können durch die Mittel, durch welche der menschliche Geist naturgemäß gebildet wird, die Kräfte des menschlichen Herzens an sich naturgemäß und genugthuend veredelt werden. Die einseitige Entfaltung einer unsrer Kräfte ist keine wahre, keine naturgemäße, sie ist nur Scheinbildung, sie ist das tönende Erz und die klingende Schelle der Menschenbildung und nicht die Menschenbildung selber."